Ein Zeitdokument
Dieses Buch ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Am Anfang stand die Entdeckung eines ganzen Koffers voller Briefe, die meine Eltern hinterlassen hatten. Dass daraus als Ergebnis dieses Prozesses ein Buch entstehen würde, konnte ich nicht ahnen. Doch je tiefer ich mich in die Briefe meiner Eltern eingrub, umso stärker reifte in mir der Entschluss, diesen Schritt zu wagen.
Die Briefe verbinden Privates mit Politischem, Intimes mit Historischem. Sie sind mehr als ein schriftlicher Gedankenaustausch zweier Liebender. Sie sind Dokumente der Zeitgeschichte während des 2.Weltkriegs und der Folgejahre.
Es ist mir ein tiefes Anliegen, unverfälscht die Erfahrungen meiner Eltern sprechen zu lassen. Diese stehen stellvertretend für die einer ganzen Generation, die aufgewachsen ist unter der Propaganda des nationalsozialistischen Systems. In ihrer Funktion als Untergauführerin im Bund deutscher Mädel ist meine Mutter zugleich überzeugte Vertreterin dieser menschenverachtenden Ideologie.
Mir liegt fern, meine Eltern zu verurteilen. Sie waren Verführte, die erst allmählich die grausamen Folgen dieses Zivilisationsbruchs erkannten. Mit meinem Buch möchte ich vielmehr exemplarisch die Mechanismen darstellen, die eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung veranlasste, ohne Hinterfragung der nationalsozialistischen Geisteshaltung zu folgen.
Die Briefe erlauben den direkten Zugang in die Gedankenwelt der Generation meiner Eltern. Von besonderem Interesse sind all jene Briefabschnitte, in denen geschichtliche Ereignisse kommentiert werden.
So versäumt meine Mutter nur zufallsbedingt den Anschlag auf Hitler am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller. Georg Elsers Attentat misslingt leider, weil Hitler den Saal eine halbe Stunde früher als geplant verlassen hatte.
So berichtet Vater ohne den Hauch eines Mitgefühls von der Hinrichtung der Geschwister Scholl.
Joseph Goebbels' berüchtigte Sportpalastrede, in welcher er den totalen Krieg ausruft, kommentiert Vater mit den Worten: "Seine Rede lässt uns wieder wesentlich zuversichtlicher in die Zukunft schauen."
Selbst die Invasion der Alliierten in der Normandie lässt keinen Zweifel am Endsieg aufkommen: "Gott schenke unserer gerechten Sache und unseren Waffen den Sieg. ... Wir müssen auf unsere wunderbaren Soldaten vertrauen. Sie werden nun, da es ums Letzte geht, auch ihr Letztes hergeben."
Erst die Kapitulation macht den Weg frei für eine realistische Einschätzung: "Hitler ist tot. In rasendem Tempo stürzt Deutschland auf den Abgrund zu."
Eine Liebesgeschichte
Nicht zuletzt ist dieses Buch auch eine Liebesgeschichte, die kriegsbedingt von großer Sehnsucht handelt, von unendlicher Geduld und einer tiefen Verbundenheit, welche Zeiten und Räume überwindet. Nach dem als schmerzliche Niederlage empfundenen Kriegsende ist die Liebe meiner Eltern überschattet von der heimtückischen Krankheit meiner Mutter, die in tragischer Weise das Schicksal der gesamten Familie bestimmt.